Anton Geistreich 1875 – 1923

Briefe

Die Sorge um Anni und der Sonntagsanruf

Kloster zur Heiligen Schwester Monika · 24. Juli 2016

Elf Tage nach dem vorigen Brief, unmittelbar nach dem Besuch: Was sie damals gesehen hat, lässt ihr keine Ruhe. Der halbe Brief ist ein Ernährungsplan für die Mutter – Hühnersuppe, Spätzle, Kartoffelbrei, Vitamin D –, aufgeschrieben von einer Frau, die ihr Leben lang in Klosterküchen gestanden hat und genau weiß, was sie tut. Dann kommt der Anruf am Sonntagvormittag, und die Stimme am anderen Ende ist klar. Danach die Entschuldigung wegen der Goldbärchen, die für zwei Schwestern nicht gereicht hatten, und der Dank für alles. Der Nachtrag steht kopfüber am oberen Rand desselben Bogens und bricht mitten im Satz ab.

Umschlag: Briefmarke „250 Jahre Technische Universität Bergakademie Freiberg“ und Maschinenstempel des Briefzentrums, Juli 2016
Umschlag: Briefmarke „250 Jahre Technische Universität Bergakademie Freiberg“ und Maschinenstempel des Briefzentrums, Juli 2016
Erste Seite mit Blumenranke am Rand, Datumszeile und dem Ernährungsrat
Erste Seite mit Blumenranke am Rand, Datumszeile und dem Ernährungsrat
Zweite Seite mit dem Sonntagsanruf, der Entschuldigung und dem Schlussgruß; am oberen Rand steht der Nachtrag kopfüber
Zweite Seite mit dem Sonntagsanruf, der Entschuldigung und dem Schlussgruß; am oberen Rand steht der Nachtrag kopfüber
Der Nachtrag am oberen Rand des Bogens, hier aufrecht gestellt – er bricht mitten im Satz ab
Der Nachtrag am oberen Rand des Bogens, hier aufrecht gestellt – er bricht mitten im Satz ab
Beigelegtes Foto: orangefarbene Rosen am Klostergebäude
Beigelegtes Foto: orangefarbene Rosen am Klostergebäude

Klartext

Lieber Udo.

Ihr seid zwar am Freitag weg gefahren, aber Du bist wieder zurück gekommen. Erst im nachhinein ist es mir gekommen warum Anni so ohne Kraft ist, das Bild ist ja erschreckend.

Beim vorletzten Telefongespräch mit Deiner Mutter hat sie mir unter anderem erzählt das sie jeden Tag polnisches Essen essen muß. Eigentlich wäre es das A. und O. das so eine Betreuerin die deutsche Küche gelernt hat. Und jetzt kommt es, Anni ist ohne Appetit aus Essen und hat auch zu wenig gegessen. Aber das Gehirn will ernährt sein, mit Nährstoffen und Vitaminen.

Und wenn das eine Zeitlang übersehen wird dann gibt es einen Zerfall im Gehirn, der schlimmer ist als Demenz. So etwas geht schleichend.

In jedem Fall sollte man jetzt auf ein gesundes Essen schauen, in dem Vitamin D vorkommt. Vitamin D ist für den menschlichen Körper von großer Bedeutung, es ist für die Knochen und Muskeln, für das Immunsystem und trägt für die Gehirntätigkeit bei. Viel Trinken ist wichtig am liebsten im Sprudel mit Saft aus dem Reformhaus, Rotkäppchen.

Mehrmals am Tage eine kleine Speise:

Hühnersuppe mit klein geschnittenem Fleisch,

Spätzle, Kartoffelbrei, leichte Gemüse mit einem Buttersößchen anrichten,

Rührei, Kalbschnitzel, schöne Nachtische aus Obst, oder Milch. In Milch sind alle Vitamine, außer Eisen.

Anni muß wieder zu Kräften kommen, dann geht es auch wieder aufwärts.

Ich würde der Polin gerne etwas aufschreiben was ihr gut tut.

Es ist Sonntag nach der heiligen Messe, Samstags ist nicht viel Zeit für Privatsachen, aber am Vormittag bis zum Mittagessen ist für mich die schönste Zeit, da tue ich nur etwas freudiges, sonntägliches.

Das Telefon hat geläutet und Deine Mutter war da. Ich würde Dir gerne sagen wie sehr ich mich über den Anruf gefreut habe, aber es fehlen mir die richtigen Worte. Sie hat sich sehr über den Kuchen gefreut. Und ich bin vielleicht erleichtert, denn die Stimme war so klar, gar keinen Vergleich zum letzten und vorletzten Gespräch. Ich bin vielleicht froh.

Also überlegt euch was mit dem Kommen ist. Ich spreche zuerst mit Sr. Rita, dann kannst Du mit ihr sprechen wie Du es meinst.

Lieber Udo es richtig erfrischend zu sehen wie Ihr beide so richtig nett zu einander seid, das finde ich echt toll.

Ich muß mich schämen das ich zu Dir gesagt habe das für zwei Schwestern die Goldbärchen nicht gelangt haben. Ich war das schuld, denn ich hatte den indischen Schwestern schon vorher gegeben und Sr. Rosmarie sie räumt oftmals für mich im Küchele auf. Und die indischen Schwestern kriegen von mir alles, sie sparen so gut sie können ihr Taschengeld für zuhause, wenn sie alle zwei Jahre heim fliegen nehmen sie es mit.

Und dann hast Du mich ganz beschämt, Du brachtest uns so viel mit und dann schenkst Du mir noch hundert Euro.

Danke, danke für alles.

Grüße bitte Susanne und Niklas von mir.

eure dankbare Monika

Nachtrag am oberen Rand des Bogens, kopfüber geschrieben:

Deine Mutter hatte mich gestern abend schon mal angerufen. Die Schwester an der Pforte hat Eckert verstanden, ich sollte zurück rufen. Ich kannte keine Eckert. Aber heute morgen hats geklappt, es war schön. Anni hatte den Kuchen angeschnitten, und er sei sehr lecker. Eigentlich wollte ich Euch Zwetschgenkuchen backe, aber dann hättet Ihr den übrigen nichts mit nehmen können, denn die trockene Kuchen